Bereits im Juli 2021 hatten die Stadtverordneten den Magistrat mit der Erstellung eines Stadtgeschwindigkeitskonzepts beauftragt. Nun wurde es zur Stadtverordnetenversammlung im Juni 2026 endlich vorgelegt. Es sollte untersucht werden, welche Geschwindigkeitsbegrenzungen den Verkehrsfluss in Neu-Isenburg optimieren und einen „sinnvollen Netzzusammenhang“ herstellen. Dabei muss beachtet werden:
- Wo ist Lärmschutz besonders wichtig?
- Wo herrscht erhöhte Unfallgefahr?
Aber auch:
- Wo soll der Verkehr möglichst zügig fließen oder aus der Stadt abfließen?
- Welche Geschwindigkeit sorgt für eine möglichst geringe Schadstoffbelastung?
Tempo 30 wird oft gefordert, ist aber für die beiden letztgenannten Fälle nicht unbedingt die optimale Geschwindigkeit. Unsere Nachbarstädte Frankfurt und Offenbach haben für sich Tempo 40 als optimale Geschwindigkeit mit dem geringsten Ausstoß an Stickoxiden identifiziert. Schon 2012 zeigte eine Untersuchung der LUBW (Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz Baden-Württemberg), dass Tempo 50 sogar emissionsärmer sein kann als Tempo 30 oder 40. Der Schadstoffausstoss hängt vom Verkehrsfluss ab. Häufiges Bremsen, Stop-and-Go oder Fahren im niedrigen Gang sind ungünstig. Auch beim Lärm ist nicht automatisch die niedrigste Geschwindigkeit optimal. Verkehr, der geschmeidig dahinfliesst, ist leiser und stört weniger als ständiges Anfahren. Dazu kommt: Bei der Untersuchung 2012 lag der Anteil an Elektro-Mobilität bei nur 0,1%, heute schon bei etwa 4% auf der Straße, bei den Neuzulassungen 25%. Und der Anteil an leisen, abgasfreien Fahrzeugen steigt weiter.
In großen Städten, in denen beobachtet wird, dass der Verkehr mit Tempo 30 optimal fließt, kommen oft digitale und KI-gesteuerte Ampelanlagen zum Einsatz: Der Verkehrsablauf wird mit Kameras erfasst, die Ampeln „sprechen“ miteinander und passen Grünphasen an, so dass der Verkehr nicht in Stocken gerät. Die technischen Voraussetzungen dafür haben wir in Neu-Isenburg leider nicht – das wäre ein sinnvolles und interessantes Smart City Projekt, aber auch eine große Investition.
Um den Verkehrsfluss, der für Schadstoff- und Lärmbelastung entscheidend ist, geht es in dem vorliegenden Stadtgeschwindigkeitskonzept leider nicht wirklich. Vielmehr werden Argumente für Tempo 30 aufgelistet – mit einer Logik, nach der die optimale Geschwindigkeit eigentlich Tempo 0 sein müsste. Hier wurde nicht ergebnisoffen untersucht, sondern mit dem Ziel, möglichst flächendeckend Tempo 30 einzuführen. Eine politisch gewollte Lösung wird einer pragmatischen vorgezogen, Nachteile werden als vernachlässigbar weggewischt. Dabei gibt es einige:
- Der Fahrplan von Bussen kann sich verändern, Fahrten dauern länger, Anschlussverbindungen werden ggf. nicht mehr erreicht.
- In Ausfallstraßen soll der Verkehr möglichst zügig abfließen und Fahrzeuge aus der Stadt herausleiten. Eine Reduzierung der Geschwindigkeit erreicht das Gegenteil.
- Der Verkehr kann sich in Wohngebiete verlagern und die Lärmbelastung dort erhöhen.
- Im Bericht der Wirtschaftsförderung wird auf die gute Erreichbarkeit der Stadt für Pendler als großer Standortvorteil hingewiesen. Hier ist ein zügiger Verkehrsfluss in die Stadt rein und wieder raus ein wichtiger Faktor für Unternehmen, ihre Mitarbeiter, ihre Kunden und ihre Lieferanten.
- Und vor allem: Tempo 30 hat – auch mit optimierter Ampelschaltung – Einfluss auf die Ausrückzeit und die Hilfsfrist der Feuerwehr! Kann diese nicht mehr zuverlässig eingehalten werden, weil die Feuerwehrleute zu lange in die Wache brauchen, muss die Feuerwache dauerhaft besetzt werden. Das bedeutet wieder: Personalkosten.
Das Stadtgeschwindigkeitskonzept wurde mit der Mehrheit der Koalition beschlossen und soll nun als Grundlage für alle weiteren Maßnahmen dienen – und ermöglichen, die Einführung von Tempo 30 noch darüber hinaus zu prüfen. In der vorliegenden Form konnten wir dem nicht zustimmen.
Für dieses Jahr sind bereits erste Maßnahmen vorgesehen: Tempo 30 auf der Offenbacher Straße und nachts auf der Carl-Ulrich-Straße und Friedhofstraße. Mal sehen, ob sich auf diesen breiten Ausfallstraßen jemand daran hält. Spannend ist das besonders im Hinblick auf die Auswertung der Testphase für Tempo 30 auf der Frankfurter Straße. Als Tempo 50 erlaubt war, lag die durchschnittliche Geschwindigkeit dort bei 42 km/h, nach der Einführung von Tempo 30 bei 39 km/h. Die Lärmminderung fiel deutlich geringer aus, als erhofft.
Wir YSENBURGER! befürworten Tempo 30 dort, wo es einen echten Mehrwert für die Sicherheit und das Wohlbefinden der Bürger bringt, zum Beispiel in Wohngebieten oder vor Schulen und Kindergärten. Maßnahmen, die mit leicht erhobenem Zeigefinger das Autofahren möglichst unattraktiv machen sollen, sind für die Weiterentwicklung unserer Stadt eher ein Hindernis. Politik muss Lösungen für Probleme entwickeln und sich nicht mit teuren Gutachten rückwärts von der Wunschlösung zur Begründung arbeiten.
[Kati Conrad, Oliver Hatzfeld]
Hinweis: Unser Artikelbild wurde mit Hilfe von KI erstellt.
