The show must go on: Huha-Zwischenlösung mit vielen Fragezeichen

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Der Countdown läuft, in weniger als einem halben Jahr schließt die Hugenottenhalle für mehrere Jahre. Klar ist, dass uns vieles fehlen wird: unser Bürgerhaus, ein liebgewonnener Treffpunkt, ein belebter Platz in der Innenstadt, ein gemütliches Restaurant. Veranstaltungen sollen aber weiterhin stattfinden. Wohin also mit Musikern, Schauspielern, Comedians, Vereinen, Rednern, Narren? Wohin mit Schwanensee, dem Diavortrag über die Lofoten oder der Sportlerehrung?

Im November 2025 wurden uns zunächst fünf Varianten für mögliche Interimsspielstätten vorgestellt, in denen das kulturelle Programm weiter stattfinden könnte:

1. Eine Freiluftbühne

Die mobile Bühne wäre an verschiedenen Orten in der Stadt flexibel einsetzbar gewesen, damit hätten verschiedene Stadtteile profitiert. Die geschätzten Kosten waren im Vergleich zu den anderen Varianten eher gering. Doch die Kapazität von ca. 300 Sitzplätzen, davon die Hälfte nicht überdacht, reicht für die meisten Veranstaltungen nicht aus – bei vergleichsweise hohem Aufwand durch Transport, Aufbau und Lagerung. In der kalten Jahreszeit und bei schlechtem Wetter hätten andere Spielstätten genutzt und zuvor auch baurechtlich geprüft und ertüchtigt werden müssen.

2. Ein Spiegelzelt

Ein atmosphärisches Varieté-Zelt mit einem Durchmesser von ca. 20 Metern punktet mit einem ganz besonderen Ambiente für Theater, Comedy oder Lesungen, ist aber nicht für alle Veranstaltungsformate, z.B. Rockkonzerte geeignet und schließt damit einige der bisherigen Veranstaltungspartner der Halle aus. Auch die Kapazität wäre mit ca. 600 Plätzen deutlich kleiner gewesen als die der Hugenottenhalle. Grundsätzlich kann so ein Zelt beheizt werden und ist damit auch im Winter nutzbar. Der Genehmigungsaufwand und die Erschließungskosten für ein solches Projekt sind aber sehr hoch. Später wurde deutlich, dass diese Variante von der Bauaufsicht nicht für die Dauer von fünf Jahren als Fliegender Bau genehmigt worden wäre. Eine feste, standortbezogene Genehmigung hätte wieder andere Anforderungen an Schallschutz, Sanitäranlagen, Statik usw. gestellt. Dazu kommt, dass die dauerhafte Beheizung als energetisch und wirtschaftlich nicht vertretbar eingestuft wurde.

3. Eine Leichtbauhalle im Sportpark

Auf dem Fußballplatz gegenüber der Sporthalle hätte ein Bauwerk entstehen können, dass all unsere Wünsche erfüllt: Es hätte Platz für bis zu 1.200 Personen geboten, Büros, Lagerflächen und Technikräume hätten ebenfalls unterbracht werden können. Alle bisherigen Veranstaltungen hätten auch hier stattfinden können – an zentraler, gut besuchter Stelle mit Infrastruktur und Parkplätzen. Doch diese Lösung ist teuer, sie kostet eine halbe Million jährlich, für die Erschließung wurden die Kosten auf 700.000 bis 900.000 Euro geschätzt. Eine kleinere Version hätte nur vergleichsweise geringe Einsparungen gebracht. Für eine vorübergehende Nutzung also ganz schön happig. Eine solche Investition hätte außerdem vermutlich europaweit ausgeschrieben werden müssen, was zu einer monatelangen Verzögerung geführt hätte – und wir brauchen eine schnelle Lösung.

4. Die Sanierung der alten Sporthalle im Sportpark

Unsere alte Sporthalle muss saniert werden, um wieder als Versammlungsstätte (für über 299 Besucher) zugelassen zu werden. So kam die Idee auf, die Halle zu sanieren und zu ertüchtigen, sie als Interimslösung für einige Jahre zu nutzen und sie nach Fertigstellung der Hugenottenhalle wieder an den Sport zurückzugeben. Doch auch als Versammlungsstätte wäre die Kapazität eher gering, etwa 600 bis 800 Personen. Und für mindestens fünf Jahre hätte die bisher gut ausgelastete Halle dem Schul- und Vereinssport gefehlt. Für den verdrängten Sport hätten kostspielige Ersatzlösungen gefunden werden müssen, z.B. eine Traglufthalle auf dem Hammerwurfplatz.

5. Anmietung und Umbau einer Gewerbeimmobilie

Hier sollte geprüft werden, welche leerstehenden, gewerblichen Objekte für Veranstaltungen geeignet und genehmigungsfähig wären. Bei einer solchen Lösung kann Leerstand sinnvoll genutzt werden, der ganzjährige Betrieb ist kein Problem. Je nach Objekt sind Infrastruktur, Lager- und Büroflächen vorhanden. Doch auch diese Immobilie muss zur Versammlungsstätte ertüchtigt werden. Eine Investition, die zwar dauerhaft bleibt – aber nicht unbedingt für die Stadt Neu-Isenburg. Eine städtische Immobilie hätte nach dem Umbau der Hugenottenhalle als Off Space für kleinere Kulturveranstaltungen erhalten bleiben können. Doch bei einem Gebäude im Besitz Dritter investiert die Stadt viel Geld in einen voll funktionstüchtigen Veranstaltungsort, um später möglicherweise selbstgemachte Konkurrenz direkt vor der Tür zu haben.

Und so wurde entschieden:

Anfang 2026 schieden die Freiluftbühne, das Spiegelzelt und die Sporthalle aus. Das Parlament beschloss, nur die Leichtbauhalle und die Gewerbeimmobilie vertieft zu prüfen. Im August wurde uns mitgeteilt, dass der Magistrat lediglich die Gewerbeimmobilie weiterverfolgten möchte – die Leichtbauhalle wurde einfach zu teuer. Ein geeignetes Objekt war auch schon gefunden: eine ehemalige Schmelzfarbenfabrik in der Dornhofstraße 71, neben Thong Thai. Mit dem Eigentümer befindet die Stadt sich in Verhandlungen. Und wir, das Parlament, mussten wieder mal entscheiden, ohne ausreichend Informationen vorliegen zu haben – die Zeit drängte.

Was wissen wir?

  • Vorgesehen ist eine Veranstaltungs- und Multifunktionshalle für bis zu 400 Personen in Reihenbestuhlung – also haben wir hier eine der kleinsten Alternativen vorliegen, die bei Weitem nicht an die Kapazität der Hugenottenhalle heranreicht und viele Veranstaltungen ausschließt. Darunter auch Veranstaltungen, die überlebenswichtig für Neu-Isenburger Vereine sind, wie die großen Fastnachtssitzungen oder der Ball der Senatoren.
  • Angeboten wurde die Halle für eine monatliche Miete von 19.800 Euro. Bei fünf Jahren ergeben sich daraus 1,188 Millionen Euro reine Kaltmiete. Betriebskosten, Ausstattung, Umbauten und „nutzungsbedingte Zusatzkosten“ sind darin ausdrücklich nicht enthalten. Das ist günstiger als der Leichtbau im Sportpark, für den ohne Betriebskosten rund 3,94 Millionen Euro über fünf Jahre angesetzt wurden – allerdings auch für die dreifache Kapazität. 
  • Parkplätze sind auf einem Grundstück gegenüber vorhanden und dürfen genutzt werden.

Was wissen wir nicht (mussten aber trotzdem entscheiden)?

Es fehlen ganz grundlegende Informationen zu den Kosten:

  • Wird Vermieter tatsächlich den Umbau zur Versammlungsstätte auf seine Kosten durchführen (bisher bestehen nur Absichtserklärungen), auch wenn die Kosten unerwartet steigen?
  • Die Stadtverwaltung gibt auf Nachfrage an, einige der Umbau-Kosten selbst zu übernehmen, zum Beispiel für den Bühnen- und Backstagebereich. Dies ist nicht in der Beschlussvorlage beziffert, auch nicht ungefähr. Was ist mit weiteren Maßnahmen wie Schallschutz, Lüftung, Heizung, Brandschutz, Versicherung etc. Wie hoch ist also der Anteil der Stadt an den Kosten zuzüglich zur Miete?
  •  Geplant wurde mit einer Nutzung von fünf Jahren, doch durch die Kehrtwende der Koalition bei der Hugenottenhalle (Sanierung statt Umbau, neue Planung erforderlich) wird Zeit verlorengehen. Wir sind bereits jetzt deutlich im Verzug. In der Drucksache werden die Gesamtkosten anhand der Miete für die ursprünglich angenommenen fünf Jahre berechnet. Wie lange wird die Interimsstätte tatsächlich genutzt werden und wie wirkt sich das auf die Gesamtkosten aus?

Es fehlen auch Angaben zur Halle selbst, die wir bisher noch nicht von innen gesehen haben. Vor der Entscheidung gab es keine Begehung für die Stadtverordneten. Auch keine Fotos. Wir wissen also nicht:

  • Was ist in den Mietkosten überhaupt drin? Wir kennen bisher keinen Grundriss, keine Angaben zur Nutzung der Flächen (z.B. auch Büros, Lagerflächen, Technik, Ladezufahrt).
  • Passen alle räumlichen Gegebenheiten? Ist die ehemalige Schmelzfarbenfabrik für die Deckenlast von Veranstaltungen (Scheinwerfer etc.) ausgelegt? Ist ausreichend Platz für Umkleiden?
  • Wie barrierefrei wird der Veranstaltungsort im Zuschauerraum, auf und hinter der Bühne, in Toiletten und Umkleiden sein?
  • Wurden in der Fabrik problematische Stoffe wie Blei oder Cadmium verarbeitet? Gibt es dort Altlasten? Gibt es Schadstoffe im Boden oder im Gebäude?
  • Das Gewerbegebiet wird nachts oft als unheimlich oder unsicher empfunden – soll auch im Außenbereich etwas optimiert werden (z.B. durch Beleuchtung)? 
  • Wird das Projekt alle erforderlichen Genehmigungen erhalten? In der Gegenüberstellung der verschiedenen Varianten wurde der Aufwand hierfür als „hoch“ bezeichnet. Was, wenn die Genehmigung scheitert?

Und auch über das künftige Veranstaltungskonzept wissen wir wenig. Klar, es ist eine Übergangslösung – aber die wird über mehrere Jahre die Kulturszene in Neu-Isenburg prägen. Offen ist:

  •  Es heißt, dass etwa 65% der bisherigen Veranstaltungen in der Halle stattfinden können, für den Rest müsse man „neue Formate finden“. Welche Veranstaltungen wären das und welche alternativen Orte gibt es dafür? Müssen bestimmte Veranstaltungen komplett wegfallen?
  • Verlieren wir externe Veranstalter durch die geringere Kapazität? Welche Einnahmen fallen dadurch weg?

Unser Fazit: 

Grundsätzlich ist die Halle mit ihrem Backstein-Schornstein von außen attraktiv und wertet als Kulturstätte das Gewerbegebiet nachts sicherlich auf. Hier kann ein schöner Veranstaltungsort entstehen, der nach der Nutzung als Interimsspielstätte vielleicht zu einem Club werden könnte…wir hören immer mal wieder, das sei möglicherweise geplant. Die Lage dafür wäre gut, mit der Gastronomie direkt daneben und wenig Anwohnern drumherum. Die Halle ist als Ersatz für die Hugenottenhalle zu klein, aber vieles lässt sich improvisieren. 

Doch es gibt auch Veranstaltungen, denen das endgültige Aus droht, und das wird besonders Vereine treffen. Wir reden hier nicht von einer einmaligen Absage wie in der Pandemie. Was jetzt ausfällt, fällt für mindestens fünf Jahre aus. Schwierig, das Publikum dann wieder zu mobilisieren. Hier muss die Stadt kreativ werden und gemeinsam mit den Betroffenen nach kostengünstigen Alternativen suchen.

Wir haben der weiteren Ausarbeitung dieser Lösung zugestimmt, denn weitere Alternativen haben wir aktuell nicht auf dem Tisch und es eilt mal wieder, nachdem ewig nichts passiert war. Ab der Zustimmung durch die Stadtverordnetenversammlung soll der Umbau zum Veranstaltungsort ein Jahr dauern. Das heißt, ab September 2027 soll die Halle zur Verfügung stehen, die Hugenottenhalle schließt im März. Wir glauben zwar nicht so recht, dass die Zeit reicht, aber wir lassen uns gerne überraschen.

Was uns ärgert, ist, mit welcher Selbstverständlichkeit vom Parlament immer häufiger erwartet wird, ohne vernünftige Grundlagen Entscheidungen zu treffen – und dann auch noch immer hopp, hopp, möglichst schnell. Für einen Dialog mit den Bürgern bleibt überhaupt keine Zeit mehr. Das entspricht nicht unserem Verständnis von Politik.

[Kati Conrad, Oliver Hatzfeld]

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