Ein verregneter Tag im April 2015. Ein Mitarbeiter des Architekturbüros Lengfeld & Wilisch nimmt, von der Frankfurter Straße blickend, ein Foto der Stadtbibliothek und Hugenottenhalle auf. Es wird das Deckblatt für seine Konzeptstudie zur Erweiterung der Stadtbibliothek. Anlass für die Studie war ein Gutachten von Professor em. Wolfram Henning aus dem Jahr 2011. Schon 2009 hatte die Stadtverordnetenversammlung einstimmig beschlossen, zu prüfen, wie und zu welchen Kosten die Stadtbibliothek erweitert und zu einem Kultur- und BIldungszentrum umgebaut werden könne, und das Gutachten stellte schließlich fest: „Drei große Defizite gefährden die Erfolgsgeschichte der Bibliothek. Sie betreffen das Flächenangebot, die Gebäudetechnik sowie Raumgestaltung und Möblierung.“ Allein der Bibliothek bescheinigte die Studie damals ein Flächendefizit von 556 qm.
Ob das Architekturbüro das etwas traurige Bild gewählt hatte um den drohenden Verlust einer sehr nachgefragten Bibliothek stimmungsvoll zu illustrieren oder prophetisch in die Zukunft blickend ein trauriges Ende des ganzen Projektes vorhersagen wollte wissen wir nicht, doch gestern in der Stadtberordnetenversammlung, 15 Jahre nach dem Gutachten und erheblichen Ausgaben für Analysen, Studien und Plänen, wird die Erweiterung der Stadtbibliothek und die Integration in ein offenes Kultur- und Bildungszentrum mit der Mehrheit der Koalition aus CDU, SPD und Grünen in Neu-Isenburg abgesagt.
Für die Konzeptstudie hatten Lengfeld & Wilisch sich die notwendigen räumlichen Restrukturierungen, die Raumbedarfe und Erweiterungsmöglichkeiten vor Ort angeschaut und schnell festgestellt, dass Halle und Bibliothek einen erheblichen energetischen Sanierungsbedarf aufweisen. Allein durch die energetische Sanierung der Außenhülle ließen sich ca. 75% der Wärmeverluste reduzieren. Für die Erweiterung wurden vier unterschiedliche Varianten entwickelt.
2019 wurde den Stadtverordneten dann in einer Beschlussvorlage vorgeschlagen eine der Erweiterungsvarianten vertieft zu untersuchen und entsprechende Beschlussvorlagen zur Umsetzung vom Magistrat erarbeiten zu lassen. Die dieser Drucksache beigefügte Bestandsanalyse von Hugenottenhalle und Stadtbibliothek hatte nun weitere Sanierungsbedarfe für beide Gebäudeteile aufgedeckt sowie zusätzliche Flächenbedarfe auch für die Halle ermittelt und eine Sanierung zusammen mit einer Erweiterung empfohlen. Außerdem wurde bezüglich der Sanierung damals festgehalten: „Da die Hugenottenhalle und Stadtbibliothek technisch und baulich miteinander verbunden sind, ist unabhängig von einer Erweiterung von Flächen eine grundlegende Sanierung des GESAMTEN Gebäudekomplexes dringen erforderlich.“
Schon damals wurde empfohlen, statt einer teuren Sanierung im Bestand die Sanierung und Modernisierung zusammen mit der Erweiterung des Gebäudekomplexes durchzuführen, da die Ausgaben für eine reine Sanierung im Verhältnis zum Nutzen unverhältnismäßig hoch sind.
5 Jahre später, 2024, wurde einstimmig von allen Beteiligten aus Fachjury, Kulturschaffenden, Bürgern und Politik ohne Gegenstimme der Entwurf des Architekturbüros AFF zum Siegerentwurf für ein modernes Kultur- und Bildungszentrum als Dritter Ort gekürt. Im September 2025 wurde beschlossen das Architekturbüro mit den weiteren Planungen bis Leistungsphase 3 und der damit verbundenen Kostenermittlung zu beauftragen. Inzwischen hat sich der Sanierungsbedarf weiter deutlich vergrößert, die Halle muss deshalb spätestens im März 2027 ihren Betrieb einstellen.
Und heute, 15 Jahre nach dem ersten Gutachten, stehen nun wir an einem verregneten Tag auf der Frankfurter Straße und blicken auf die Hugenottenhalle. Noch immer liegen weder für eine reine Sanierung noch für den Umbau zu einem Kultur- und Bildungszentrum belastbare Kostenermittlungen vor. Fest steht lediglich: Der Sanierungsaufwand ist erheblich, die hohen Kosten einer bloßen Sanierung nicht zu rechtfertigen. Denn damit würden weder die Anforderungen an eine moderne Veranstaltungshalle noch an eine zeitgemäße Bibliothek erfüllt – geschweige denn an ein modernes Kultur- und Bildungszentrum. Ein zukunftsweisendes Projekt für unsere Stadt, eine Investition in ihre Attraktivität für Bewohner und Unternehmen und ein wichtiges soziales Herzstück für alle Generationen steht vor dem Aus.
Nach zahlreichen Verzögerungen und mehrfachen Änderungen der Prioritäten wollen Bürgermeister und Erster Stadtrat nun – unterstützt von CDU, SPD und Grünen – die räumliche Trennung von VHS, Musikschule, Stadtbibliothek und Stadtarchiv auf verschiedene Gebäude im Stadtgebiet für Jahrzehnte festschreiben. Durch die Verteilung der jeweiligen Sanierungsbedarfe und Betriebskosten auf unterschiedliche Kostenstellen soll die geplante Sanierung der Veranstaltungshalle günstiger erscheinen. Dabei wird ausgeblendet, dass Halle und Stadtbibliothek technisch und baulich miteinander verbunden sind und nicht ohne Weiteres unabhängig voneinander saniert werden können. Auch die alten Gebäude der Albert-Schweitzer-Schule, in denen VHS und Musikschule untergebracht sind, müssen in absehbarer Zeit saniert werden. Wenn wir berechnen wollen, was uns die Abkehr vom Siegerentwurf und die bloße Sanierung kosten, müssen wir auch die Kosten für diese beiden Gebäude einpreisen. Dazu kommt, dass der VHS nun barrierefreie Räume fehlen. Bisher konnte dafür die Hugenottenhalle genutzt werden. Und schließlich droht auch der Verlust wichtiger Fördermittel, wenn aus der Realisierung eines Dritten Ortes nun eine ‚Sanierung des Bürgerhauses‘ wird.
Mit der nun eingeleiteten Kehrtwende werden sämtliche bisherigen Erkenntnisse und Studien ignoriert – und die dafür bereits ausgegebenen Mittel weitgehend entwertet. Was von 2009 bis heute in einem sehr langsam voranschreitenden Prozess erarbeitet wurde, wird auf Null zurückgesetzt. Nach 17 Jahren sind wir zurück am Anfang – mit dem Unterschied, dass die Stadtbibliothek, von der alles ausging, auf unbestimmte Zeit nicht saniert wird. Sie wird in der gestern beschlossenen Drucksache nicht mal erwähnt. Die Fläche rund um den Rosenauplatz droht, 10 Jahre lang Baustelle zu bleiben.
Insgesamt hätten im beschlossenen Siegerentwurf beide Gebäude zusammen um etwa 4.000 qm erweitert werden sollen, allein 1.000 qm für die Bibliothek. Zusätzlichen Platz für VHS und Musikschule vorzusehen, hätte die Möglichkeit eröffnet, hier Synergien zu schaffen und für jeden Bereich neue Zielgruppen zu erschließen. Doch die Änderung des bereits erteilten Auftrags an das Architekturbüro macht ein neues Nutzungs- und Sanierungskonzept erforderlich. Dadurch verzögert sich die Wiederinbetriebnahme der Halle weiter, während steigende Baupreise die Kosten zusätzlich in die Höhe treiben.
Argumentiert wird, das der Verzicht auf eine Erweiterung des bestehenden Baukörpers eine große Einsparung bringe – doch bei derart grundlegenden Sanierungen wird nur der Rohbau übrigbleiben, die Halle verliert ihren Bestandsschutz und muss neuen Anforderungen gerecht werden (z.B. der aktuellen Wärmeschutzverordnung). Egal ob Umbau oder Sanierung – der größte Teil der Kosten entsteht hier. Und jeder, der mal ein altes Gebäude saniert oder renoviert hat weiß, dass hier zahlreiche Überraschungen lauern können, die nochmals den Preis in die Höhe treiben.
Und dann wäre da noch die Gastronomie. Der Vertrag mit dem Ristorante Tonino ist gekündigt. Nach der Sanierung ist nur noch ein Café mit einer Andock-Möglichkeit für externe Caterer geplant. Ein Restaurant erfüllt aber eine ganz andere Aufgabe, als nur Essen rauszuschicken: Dort können Besucher vor oder nach einer Vorstellung essen, Künstler und Gäste danach zusammensitzen und Menschen das Haus auch dann besuchen, wenn gerade keine Veranstaltung stattfindet. Es ist Teil unseres Zusammenlebens in der Stadt.
Andere Städte haben mit genau dieser Frage bereits Erfahrungen gemacht.
In Friedberg stand die Stadthalle nach einer Kündigung des Gastronomen ohne Pächter da. Der Stadt fehlten nicht nur Pachteinnahmen, sondern ohne Restaurant war die Halle schwer zu vermarkten, eine Studie bescheinigte die verminderte Attraktivität.
Im Bürgerhaus Sprendlingen hatte der riesige Umfang an Aufgaben (der Betrieb von Restaurant und Kegelbahn plus Catering von Veranstaltungen mit bis zu 600 Besuchern) alle Betreiber überfordert. Seitdem Restaurant und Halle zwar nebeneinander stehen, aber getrennt wurden, läuft es prima. Das 2016 eröffnete Casa Grande besteht immer noch und ist gut besucht. Besucher von Veranstaltungen können leckere Tapas essen und – was noch wichtiger ist – reine Restaurantgäste werden auf Veranstaltungen im Bürgerhaus aufmerksam!
Langen hat sich bei der Sanierung seiner Stadthalle bewusst für eine vollständige Gastronomie entschieden. Das Restaurant wurde von Anfang an als Teil des neuen Gesamtkonzepts geplant und vom damaligen Hallenchef als Teil des Erfolgsrezepts bezeichnet – alles unter einem Dach (inklusive Hallenbad).
Ein Restaurant macht aus einer Veranstaltungshalle einen lebendigen Ort und Anziehungspunkt. Das ist entscheidend für eine attraktive Stadtmitte! Wenn wir die baulichen Kriterien für ein Restaurant jetzt nicht schaffen, wird das nachträglich nicht mehr oder nur mit hohen Kosten möglich. Was wir jetzt beschließen, bleibt wieder für 50 Jahre!
Zusammengefasst: Zahlen, die belegen, dass die Sanierung der Veranstaltungshalle und (möglicherweise) irgendwann der Bibliothek günstiger wird als der ursprünglich geplante Umbau, wurden für die Entscheidung im Parlament nicht vorgelegt. Die räumliche Verknüpfung von Hugenottenhalle und Bibliothek, die Kosten für die notwendige Instandhaltung/Sanierung der Gebäude der Albert-Schweizer-Schule wurden nicht eingepreist. Wichtige Fördermittel werden verlorengehen. Dafür, wie das Konzept eines ‚Dritten Ortes‘ weiterhin umgesetzt werden könnte, wurden nicht mal Ideen skizziert.
Für die drei frischgebackenen Koalitionspartner mag das trotz aller Widersprüche zusammenpassen – schließlich haben sie diesen Kurs bei der Bildung ihrer Koalition politisch untereinander ausgehandelt. Sachlich nachvollziehbar oder gar richtig wird die Entscheidung gegen den Umbau dadurch nicht, sie ist eine rein politische Entscheidung: kultur- und gesellschaftspolitisch, städtebaulich und finanziell. Sie wird die Entwicklung unserer Stadt über Jahrzehnte erheblich negativ beeinträchtigen.
Wer in den Siebziger Jahren an einem verregneten Tag auf der Frankfurter Straße stand, konnte sehen, wie etwas entsteht – wie die Hugenottenhalle gebaut und von Rudi Carell eröffnet wird. Neu-Isenburg hat in die Zukunft investiert, hat sich eine moderne Veranstaltungshalle, eine Bibliothek, eine Sporthalle und ein attraktives Hallen-Wellenbad geleistet. Auf städtebaulich „missglückte“ Nachbarstädte wie Offenbach mit Betonbrücken für eine „zweite Ebene“, die nie vollendet und 2004 wieder abgerissen wurden, wurde herabgeschaut. Heute wandern Neu-Isenburger Unternehmen in genau diese Nachbarstadt ab – trotz höherer Gewerbesteuer! Offenbach – selbst mit knappem Budget ausgestattet – investiert in die Zukunft, setzt den Umbau des ehemaligen Kaufhofs in einen Dritten Ort um und entwickelt kreative Finanzierungsideen, während wir auf dem Weg sind, der neue Schandfleck in der Umgebung zu werden. In Gesprächen mit Bürgern hören wir immer wieder: „Das ist nicht mehr meine Stadt!“. Dabei lieben wir doch alle Neu-Isenburg und sollten endlich die Ärmel hochkrempeln und unsere Stadt weiterentwickeln.
[Kati Conrad, Oliver Hatzfeld]
Das Bild der Hugenottenhalle wurde mit KI erstellt und illustriert, wie die ursprüngliche Fotografie aussah.
